über einen Journalisten und seine Sicht auf die Welt

Mittwoch Nacht zeigte das ZDF im Auslandsjournal einen Beitrag seines Nahost-Korrespondenten Christian Sievers, der in der Mediathek angekündigt wird als: Israels Offensive im Gaza. Nach dem Tod von drei Talmudschülern hat die israelische Regierung Vergeltung angekündigt. Doch was sind die Hintergründe dieser neuerlichen Eskalation im Nahen Osten? Über die Bezeichnung der drei Jugendlichen als Talmudschüler oder anderenorts als Siedlungskinder in zahlreichen Artikeln und die damit einhergehende Zuschreibungen habe ich vor Tagen einen Beitrag auf einem blog gelesen, der mir allerdings leider nicht mehr einfällt (wenn das hier irgendjemand lesen würde, würde ich um den entsprechenden link bitten. aber so, nun ja.)

Wie auch immer; zusammengefasst geht es in dem Beitrag darum, dass der israelische Geheimdienst die ganze Zeit wusste, dass die drei Jugendlichen tot seien, und die Presse – die in ihren Redaktionsstuben einen Zensor zu sitzen hat, mit dem die Berichterstattung abgestimmt werden muss – sich an dieser wissentlichen Verschleierung beteiligte. All dies geschah, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Warum? Um sie auf die kommende Eskalation vorzubereiten, also die Angriffe, die das israelische Militär nun gegen die Hamas in Gaza fliegt. Der Berichterstattung des ZDF ist es also gelungen, die wahren Schuldigen auszumachen. Inwieweit der Geheimdienst aufgrund der Indizien – Pistolenschüsse im Hintergrund des Telefonmitschnittes des Notrufes, den einer der Jugendlichen an die Polizei richtete und Blut im Kofferraum eines ausgebrannten Autos – zu hundert Prozent davon überzeugt war, dass die Jugendlichen tot waren, sagt in dem Beitrag niemand. Es ist für die Darstellung offensichtlich nur ein unwichtiges Detail; ebenso wie die Frage, welcher Geheimdienst überhaupt mit derartigen Vermutungen an die Öffentlichkeit gehen würde und sollte. Was ist eigentlich der Maßstab, an dem sich derartige Behauptungen messen müssen?

Sievers hat vor einigen Stunden zudem via twitter darauf hingewiesen, dass die israelischen Behörden den Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen nun als Terrorakt werten und dies für die Palästinenser schon immer klar gewesen sei. Er hätte die verbleibenden Zeichen auch dafür verwenden können, darauf zu verweisen, dass den Eltern damit Unterstützungszahlungen seitens des Staates bekommen und sein Name – Muhammad Abu Khadir – nun auf die Liste Memorial Day für die Opfer von Terroranschlägen gesetzt wird, also auf Aspekte, die auf den Umgang der israelischen Gesellschaft mit der Tat verweisen. Statt dessen ist es wichtiger zu suggerieren, dass Israel sich mit der Einordnung von etwas, das für die Palästinenser offensichtlich ist, schwertut, damit ihrem Leid, ihrer Wahrnehmung nicht angemessen Rechnung trägt. Aspekte wie zum Bsp. die Dauer von polizeilichen Ermittlungen oder Verfahrenswegen einzubeziehen, wäre dabei natürlich nur hinderlich. Wenn man wollte, war viel dazu zu lesen, wie sehr sich die israelischen Behörden um die Aufklärung dieses schrecklichen Verbrechens bemühten, weniger, eigentlich nichts ist davon zu lesen, welchen Beitrag die Palästinenser zu Aufklärung der Ermordung der israelischen Jugendlichen leistet. Auch eine vergleichbare Einordnung der Tat sucht man vergebens. Aber das kann man als Journalist natürlich alles nicht verfolgen, wenn man vor allem damit beschäftigt ist, den Schuldigen und das Unrecht immer und immer wieder auf israelischer Seite auszumachen.

Das alles sind nur einzelne Geschichten unter unzählbaren, über die Tage verteilten Widerlichkeiten. Leider.

über die letzten Tage

Seit der Entführung und anschließenden Ermordung der drei Jugendlichen gehört das Lesen von tweets, von Nachrichten, von blogs zu meinen täglichen Hauptbeschäftigungen. Seitdem in einem ungeheuren Ausmaß Raketen auf israelisches Territorium fliegen und Israel mit der Bombardierung von Gaza begonnen hat, ist es noch schwerer geworden, sich mit anderen Dingen zu befassen. Ich versuche, keine Kommentare zu lesen, allein die Artikel in deutschen Zeitungen sind oft schon laum zu ertragen. Der sprachblog hat vor einigen Tagen einen sehr schönen Text über die Schlagzeilen in den deutschen Medien geschrieben. Mein Eindruck ist, dass sich seit den Einsätzen der idf die Tendenzen noch einmal zu Ungunsten Israels verschoben haben. Hinzu kommt zu sehen, welche Dominanz jeder relevante und irrelevante Aspekt die Fußball-WM in den Medien hat. Es hat etwas unglaublich absurdes.

Manchmal schreibe ich mit jemandem aus Tel Aviv. Man schickt Wünsche, die Hoffnung, das es ihnen gut geht und bekommt mails zurück, die einen beruhigen sollen. Es ist alles nah und fern zugleich. Nur die Sorgen werden dadurch nicht geringer.

Am Donnerstag gab es eine kleine Israel-Kundgebung auf dem Wittenbergplatz. Ich weiß nicht, wie viele Leute da waren, wie immer aber waren es wenige und ich erstaunt, dass niemand da ist, den ich kenne. Diese Veranstaltungen haben immer zwei Seiten: Sie sind beruhigend, weil man sieht, dass wenigstens ein paar Menschen hier sich auch Sorgen machen, auch solidarisch sind. Sie sind deprimierend, weil sie gleichzeitig so hilflos sind; jeder der da ist, kennt all die vorgetragenen Fakten. Es bleibt auch hilflos in einer Argumentation, eine Situation, die man vermutlich aus vielen persönlichen Diskussionen kennt: Immer und immer wieder werden die simpelsten Fakten über einen Konflikt erläutert. Dabei kann man alles wissen, darüber wie die Hamas agiert, was ihre Ziele und ihr Umgang mit Zivilisten sind, darüber wie die idf vor ihren Angriffen warnt, darüber, dass Israel weiterhin Lebensmittel in den Gaza liefert, dass Netanjahu gezögert und Angebote unterbreitet hat usw. usw. Es ändert nur nichts an dem Blick, an dem Hass all derer, die Israel verdammen wollen und in ihm den einzigen Verantwortlichen für die Eskalation sehen.

Vor ein paar Stunden gab es eine unangemeldete Demonstration von 800 bis 1000 Menschen, „offenbar palästinensischer und arabischer Herkunft, die gegen Israels Militäreinsätze im Gaza-Streifen protestieren wollten, […]“ und „versucht [haben], die Fanmeile am Brandenburger Tor zu stürmen“, meldete der Tagesspiegel, etwas, dass einigen der Kommentatoren doch zu weit zu gehen scheint, so dass sie sogar bereit sind, von einem antisemitischen Mob zu sprechen.

Am vergangenen Montagnachmittag ist ein 67jähriger Mann von zwei Männern mehrfach ins Gesicht getreten und geschlagen worden. Auslöser sei gewesen, dass der er „eine Mütze mit einem Davidstern“ getragen habe. Die Polizei teilte mit, dass „neben dem Davidstern auch andere religiöse Symbole auf der Mütze aufgedruckt“ waren und es „sich nicht um eine Kippa“ gehandelt habe. Ein bisschen unsicher bin ich, was genau dieser Hinweis eigentlich aussagen soll. Aufgrund seiner Ungenauigkeit dient er ja nicht dazu, eine konkrete Aussage zum Tatgeschehen selbst zu machen. Möglich sind zwei Interpretationen: Es deutet auf ihre Fahndungsstrategie hin, denn die Polizei muss nach Tätern mit guten Augen suchen, die in der Lage waren, inmitten all der anderen Zeichen den Davidstern erkennen. Oder aber es soll andeuten, dass auch ein anderes Symbol Auslöser der Tat, sie damit nicht antisemitisch bestimmt, gewesen sei. Bis heute blieben weitere Meldungen zu dem Angriff ebenso aus wie politische oder zivilgesellschaftliche Solidaritätsbekundungen mit dem Opfer.

 

über den Moment

Die Zahl der auf Israel abgeschossenen Raketen steigt nunmehr stündlich, bis nach Jerusalem, bis nach Tel Aviv, vor einigen Stunden gab es einen Alarm in Zichron Yaakov, 120 km nördlich von Gaza, damit kurz vor Haifa. Ich kann mich nicht erinnern, ob die Raketen der Hamas jemals so weit in das Landesinnere Israels geschickt werden konnten. Kaum jemand scheint bisher mal danach zu fragen, woher eigentlich die besseren Raketen kommen in einem Landstrich, der, glaubt man den NGOs, Politikern und anderen, denen das Unrecht auf der Welt vor allem in Palästina so sehr am Herzen liegt, in ihren seit Jahren anhaltenden Tiraden, eigentlich immer nur einen winzigen Schritt von einer, selbstverständlich von Israel verursachten, humanitären Katastrophe entfernt ist. Oder danach, warum, d.h. wofür man dort offensichtlich seit Monaten aufgerüstet hat, u.a. parallel zu der Zeit, während der die palästinensische Führung unter Mahmud Abbas Friedensgespräche mit Israel führte. Oder danach, was es bedeuten könnte, dass die Hamas nicht nur bereit ist, Raketen in der auch für Muslime heiligen Stadt Jerusalem vom Himmel kommen zu lassen, sondern zudem über einem Land, in der ein nicht geringer Prozentsatz arabische, muslimische Bevölkerung lebt, unter der, nebenbei bemerkt einige sind, die selbst im Angesicht der tödlichen Bedrohung durch ihre Glaubensbrüder den Raketenhagel noch freudig erregt begrüßen.

worüber wir reden und was wir sehen

Es wird durchstoßen und verdreht, durchbrochen und hineingeschoben: Der Architekt Daniel Libeskind gestaltete eine vormalige Blumengroßmarkthalle gegenüber des Jüdischen Museums in Berlin als dessen Akademie. Eröffnet wurde sie im Sommer des vergangenen Jahres: Drei Kuben, als „Häuser“ bezeichnet und mit quadratischem Grundriss ausgeführt, sollen die Halle für Nutzungen – Vortragssaal, Bibliothek, Archiv, Büros – brauchbar machen, angeordnet um den „Garten der Diaspora“. Sprachbildgewaltig ist es wie gehabt: Weil die Kuben mit Holz verkleidet sind, „erinnern (sie) einerseits an Transportkisten, andererseits an die Arche Noah“, ihr Schrägstellen gilt als „Motiv der Entwurzelung, des schwankenden Bodens unter den Füßen. Oder (als) die Bewegung im Wasser treibender Holzkisten (…), mit denen die im Haus aufbewahrten Nachlässe jüdischer Familien transportiert wurden“. Schön wäre das, poetisch und anrührend, wenn man bei Architektur nicht auch den Anspruch haben könnte, dass sie entsprechend ihrer Funktion genutzt werden sollte. Aber so gibt es nun zum Beispiel eine Eingangszone von der Größe eines Tanzsaales, eine fensterlose Bibliothek, in der die Theke des einen Mitarbeiters länger ist als alle Arbeitsplätze im Lesesaal zusammen und man sich aufgrund der Akustik flüsternd von einem Ende des Raumes zum anderen unterhalten könnte oder Toilettenbereiche, die über einen eigenen, dabei gänzlich leeren Vorraum verfügen. Man könnte nun einfach davon sprechen, dass es eben ein großzügig angelegtes Gebäude wäre, aber der Gebrauch ist hauptsächlich Weg, unerbittlich notwendiger Begleiter ist Schrift an den Wänden, die Funktionen zuweist und Richtungen vorgibt. Es gibt zu viele Bereiche, die aufgrund der ineinander geschobenen Körper Restflächen sind, denen man die Ratlosigkeit, die sie bei den Nutzer/innen hinterlassen, zu deutlich ansieht.

Libeskind kann kaum eine andere Architektursprache bedienen, als die schräggestellter Wände, seine Architekturerzählung ist nicht an eine Nutzung, sondern allein an eine Geschichte gebunden. Damit ist er erfolgreich wie kaum ein zweiter Architekt und vielleicht könnte man sich erleichtert zurück lehnen mit dem Gedanken, wie schön es doch sei, dass es bei moderner Architektur mit ausreichender Vermittlung auch Verständnis und Begeisterung gibt. Wenn es nur nicht so ärgerlich wäre, dass all dies die Bereitschaft, sich mit dem Raum und seinem Gebrauch kritisch und analytisch auseinanderzusetzen, gänzlich ausgeschalten wird.   

über kleine Unverschämtheiten

Otto Dov Kulka hat mit Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft ein wunderbares Buch geschrieben, mit dem er seine Geschichte und das Überleben von Auschwitz beschreibt, die Erinnerung selbst reflektiert, den Gebrauch von Sprache in ihrer Beziehung zum Geschehen und das auf schmerzhafte Weise die Folgen der Ereignisse bewusst macht, nicht nur im persönlichen Verlust, sondern auch in den Folgen und im Umgang, die für ihn unter anderem bedeuteten, dass er all die Jahre als Historiker peinlich genau darauf achtete, die biografische von der historischen Vergangenheit zu trennen (Einleitung, S. 9). Bedauerlicherweise muss er sich nun auch von jemandem wie dem Spiegel-Autor Sebastian Hammelehle befragen lassen, den besonders interessiert, warum die Gefangenen nicht versucht haben, sich zu wehren.

Ja, hätten sie sich nur gewehrt, denn so, so konnten die Deutschen ja nicht ahnen, dass ihr mörderisches Handeln mörderisches Unrecht ist.

über einen kleinen Akt an Selbstverständlichkeit, mit dem man bedeutsames Handeln herstellen kann.

Dietramszell ist eine Gemeinde in Oberbayern mit irgendwas über 5000 Einwohner/innen. In Dietramszell entdeckte man unlängst, dass ein Paul von Hindenburg seit 1926 und ein Adolf Hitler seit 1933 Ehrenbürger sind. So weit, so üblich. Der Skandal ist nun also natürlich nicht, dass dies erst 68 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auffällt, er wurde es in der sueddeutschen.de, weil es der Gemeinderat nach einem Antrag der Bürgermeisterin nicht schaffte, sich von den damaligen Entscheidungen zu distanzieren. Da irrt man sich immer noch, wenn man denkt, dass es simpler Anstand sei, mit derartigen Begleiterscheinungen deutschen Selbstverständnisses nichts mehr zu tun haben zu wollen, sie, wenn sie einen schon jahrzehntelang nicht interessiert haben, dann doch nun einfach – und still und leise – zu korrigieren. Aber so wie die einen zeigen müssen, dass sie hier kein Problem sehen, müssen die anderen einen banalen Antrag zu einem Akt des „Mahnens und Gedenkens“ stilisieren. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, muss nicht erklärt werden, denn wie immer ist eine Auseinandersetzung mit der Normalität und Kontinuität des Nationalsozialismus nicht Sinn hinter der Sache, sondern das Absondern von Allgemeinplätzen, mit denen man davon ausgehen kann, dass das eigene Handeln auf der richtigen Seite dargestellt ist.

Über Orte und Gedenken.

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen/Stiftung niedersächsische Gedenkstätten beteiligte sich am alljährlich stattfindenden Tag des offenen Denkmales, der diesmal unter dem Motto: Jenseits des Guten und Schönen. Unbequeme Denkmale stattfand. Leider tat sie dies nicht, um die Frage zu beantworten, was an den staatlich geförderten, gesellschaftlich anerkannten, architekturpreisbedachten Orten eigentlich noch rechtfertigt, sie als „unbequeme Denkmale“ zu vermarkten. Vielmehr nutzte sie die Gelegenheit, einen App-Guide vorzustellen, der es Besucher/innen ermöglichen soll, das ehemalige Lagergelände via iPad etc. virtuell in seiner vormaligen Architektur während einer Besichtigung erfahrbar zu machen. Es geht um eine neue Form der Vermittlung der Geschichte auf einem Gelände, auf dem keine historischen Gebäude mehr erhalten sind und dessen aus „Wald-, Grün- und Heideflächen“ bestehendes Gedenkstättengelände in seinem „friedliche(n) Eindruck (…) nicht zu den Schreckensbildern aus dem Konzentrationslager, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben“ passe, etwas, das die Besucher/innen der Gedenkstättensprecherin Stephanie Billib zufolge „’irritiert’“.* Und das scheint angesichts des Massenmordes ein Gefühl zu sein, was man ihnen offenbar nicht zumuten möchte. Dass es gelingt, diese Diskrepanz mit Hilfe virtuell erzeugter Architektur aufzulösen, ist zweifelhaft, aber dass sie überhaupt aufgelöst werden soll, verweist auf das Bestreben, den Unterschied zwischen historischem Lagerort und heutigem Gedenkort unkenntlich zu machen, und führt letztlich dazu, danach zu fragen, ob dies dann nicht nur mittels der Präsentation von Leichenbergen möglich wäre. Nebenbei bemerkt irritiert mich an dieser Stelle vor allem die herausgestellte Wahrnehmung der Landschaftlichkeit des Ortes, auf dessen Gelände 13 Massengräber für jeweils mehrere tausend Opfer markiert sind.

Ramona Ambs, Schriftstellerin aus Heidelberg, kritisierte** das Ereignis der Präsentation der App als Veranstaltung eines „echt coole(n) Happenings“ und verwies nicht nur auf die Fragwürdigkeit des Anliegens, mit derartigen Formen der Annäherung, Begeisterung für die Besichtigung eines Ortes bei Jugendlichen zu erzeugen, sondern auch auf die perspektivischen Möglichkeiten derartiger Angebote bis dahin, „anderswo auch per App eine virtuelle Gaskammer erscheinen (zu) lassen und ein wenig damit herum(zu)spielen“. Derartigen kritischen Nachfragen kann man nun reflexhaft damit begegnen, dass man der Autorin vorwirft, dass sie nicht vor Ort war oder darauf verweisen, dass man den „Auftrag von Überlebenden (…) für die Erinnerung Sorge zu tragen“ erhalten habe, wie es der Leiter der Gedenkstätte und Vorsitzende der Stiftung, Habbo Knoch, umgehend tat*** – nicht ohne auch darauf zu insistieren, dass es in Bergen-Belsen ja keine Gaskammern gegeben habe. Dabei spricht in der Tat nichts dagegen, neue Formen des Gedenkens zu wählen, die angesichts des jeweils politischen und gesellschaftlichen status quo für sich in Anspruch nehmen wollen, „angemessen“ an ein geschichtliches Ereignis zu erinnern. Allerdings bewahrt dies nicht davor, dass man deren Inhalt und Konsequenzen thematisieren muss. Das könnte beinhalten, dass man nicht davon ausgeht, dass derartige technische Spielereien dazu dienen sollen, das Geschehen und seine Bedeutung für die (ermordeten) Opfer „emotional zu begreifen“.* Die in ihren Mustern vorhersehbare Abwehr vernachlässigt auch, dass die Entwicklung in ihrem Bestreben, die Geschichte für die Besucher/innen „intensiver“*** nachvollziehbar zu machen, auch bezogen auf die Gelände der ehemaligen Konzentrationslager eben nicht abgeschlossen ist. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Möglichkeiten könnte eine Installation im Militärhistorischen Museum in Dresden geben. Die dortige Ausstellung präsentiert den „Grabengeruch im Ersten Weltkrieg“ mit der Anleitung: „Wenn Du den Knopf drückst, kannst Du den Geruch des Grabens riechen. Es handelt sich hierbei um eine künstliche und ungiftige Nachahmung, die die Geruchsforscherin und Künstlerin Sissel Tolaas entwickelt hat.“**** Und wer daran zweifelt, das Besucher/innen bereit sind, solche „Erfahrungen“ machen zu wollen, dem sei das Projekt 245m2 des Künstlers Santiago Serra für die ehemalige Synagoge Stommeln von 2006 ins Gedächtnis gerufen, bei der er die Abgase von sechs PKW in das Gebäude ableitete und Besucher/innen es nach einer Einweisung, in Begleitung und mit Atemschutzmaske betreten konnten. Geplant war, das Projekt an sieben Tagen zugänglich zu machen, in Folge von Protesten wurde es nach der Presseeröffnung und einem Tag der offiziellen Präsentation zunächst ausgesetzt, dann nicht wieder aufgenommen. 15 Pressevertreter/innen und 43 Besucher/innen am Eröffnungstag nutzten das Angebot des Künstlers, den Raum zu betreten.*****

* Vgl. Michael Evers: Gedenken im virtuellen Raum. In: NWZ online vom 17.09.2013.

** Ramona Ambs: Viel Vergnügen in Bergen-Belsen? In: Jüdische Allgemeine online vom 04.09.2013. Im Internet unter: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16954.

*** Habbo Knoch: Zum Beitrag „Viel Vergnügen in Bergen-Belsen?“ von Ramona Ambs in der Jüdischen Allgemeinen, online abrufbar ab 4.9.2013. Im Internet unter: http://bergen-belsen.stiftung-ng.de/fileadmin/dateien/Stiftung/PDF_temporaer/Antwort_zum_Online-Beitrag_in_der_Juedischen_Allgemeinen.pdf.

**** So die Informationstafel neben der Installation.

***** Vgl. eine Beschreibung des Projektes im Internet unter: http://www.synagoge-stommeln.de/index.php?n1=2&n2=1&Direction=131. In der Kritik des Projektes ist die Bereitschaft der Besucher/innen mehrheitlich nicht thematisiert worden.